Ich will vor der Depression wegrennen!

Depression Teil 2
Ich will vor der Depression wegrennen!

Kennst du das auch?

Die innere Gefühlswelt ist durcheinander und die Stimmung wechselt fast täglich, manchmal sogar stündlich, von hoffnungsvoll über gefühllos bis zum völligen Tiefpunkt. Der Körper spricht eine andere Sprache. Der beste Wille hilft nichts, der Körper kann und will nicht mehr. 

 

Eine Berg- und Talfahrt, bei der ich nicht frei entscheiden kann, wo ich ein- oder aussteige. Ich weiss nicht, wohin mich die Fahrt bringt. Depression ist kein Zuckerschlecken.

 

An dieser Stelle möchte ich mich von ganzem Herzen für die Einsendungen zur Umfrage bedanken! Eure Inputs und Ansichten waren sehr hilfreich und inspirierend. 

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Das erste Hoch nach dem tiefen Fall

Nach dem Tiefpunkt geht’s zum ersten Mal ein wenig besser

 

Ach, wie schön war dieser Moment, als es mit meiner Stimmung erstmals aufwärts ging. Das Gefühl, es falle eine schwere Last von den Schultern, der Himmel ist endlich wieder blau und ich konnte mich ehrlich über etwas freuen. Die Gedanken drehten sich endlich um was anderes. Ich konnte wieder tief ein- und ausatmen, ohne meinen Ängsten ausgeliefert zu sein. Die körperlichen Symptome machten Pause und vieles erschien mir leichter als zuvor. So sollte es immer sein. Ich hoffte, nein ich glaubte fest daran: "Es wird mir bestimmt nie mehr so schlecht gehen." 

 

Zitat einer meiner Leser/-innen:

"Man hat mir einmal gesagt, dass die "Angst" das schlimmste wäre. Die "Angst", dass alles wieder schlechter wird. Die "Angst", dass man erneut nicht verstanden wird. Die "Angst" wieder am Abgrund zu stehen und alles von vorn zu beginnen."

 

Diese Angst kann all deine Glücksgefühle überschatten. Statt den Moment zu geniessen, wenn es dir gut geht, bist du damit beschäftigt dich zu fragen, ob es wohl so bleibt oder ob es dir wieder so schlecht geht wie vorher. Die Angst sitzt dir im Nacken und verunsichert dich so sehr, dass du dich fürchtest dich zu bewegen oder etwas zu sagen, weil es dir dann wieder schlechter gehen könnte. 

Depression und ihr anstrengender Zyklus

Leider ist es nicht so, dass es mir plötzlich wieder gut geht und ich nie wieder in ein Tief falle. Es fühlt sich an, als geht es hoch und wieder runter, mal nach rechts, dann nach links. So Zyklen sind sehr anstrengend. Du weisst nie, was die nächste Phase mit sich bringt. 

 

Mögliche Phasen: 

  • Der Schock
    Erschrocken stelle ich fest, dass ich wieder gefallen bin. Wie konnte das passieren? Wieso habe ich es nicht kommen sehen? Ich war einfach zu naiv und hoffte, dass ich es hinter mir habe. Ich wollte fest daran glauben.  
  • Die Trauer
    Ich frage mich, wieso es gerade mir passiert. Wie hatte ich das verdient? Mir wird es nie mehr besser gehen, davon bin ich fest überzeugt. Ich bin ganz alleine mit diesen Gefühlen und das alles ist mir zu viel.
  • Die Enttäuschung
    Ich hatte erwartet, dass es mir nie wieder schlecht gehen wird. Doch es geht mir psychisch und/oder körperlich wieder schlechter, ich bin von mir und der ganzen Welt enttäuscht. 
  • Die Wut
    Ich könnte schreien, ich könnte stampfen, Dinge an die Wand schmeissen und losheulen. Ich bin so wütend. Wütend auf mich selbst, dass ich mit der Situation nicht gelassen umgehen kann und jeglichen Optimismus verloren habe. Wütend auf die ganze Welt, warum ich nicht wie andere sein kann. Wütend auf das System, warum wir den Umgang mit schwierigen Lebenssituationen und mit der riesigen Palette von Gefühlen nicht bereits in der Schule lernen. Wütend auf die Medizin und die Forschung, warum es noch keine Heilung für Depression gibt. 
  • Die Angst
    Ich würde mich am liebsten unter der Bettdecke verkriechen, mich vom Alltag und den Menschen abschotten. Ich schlafe extra lange und so oft ich kann, damit ich mich meinem Problemen nicht stellen muss. Ich greife zu Mitteln, die mein Grübeln betäuben und mich weniger fühlen lassen. Alles ergibt keinen Sinn, ich fühle mich hoffnungslos und bin des Lebens müde. 
  • Die (lang ersehnte) Akzeptanz
    Es ist einer dieser wenigen, klaren Momente. Ich bin mir bewusst, es geht immer auf und ab im Leben. Ich werde nie ausgelernt haben, egal in welchem Alter. Ich wachse an den Herausforderungen und ohne die Tiefen könnte ich die Höhen nicht so sehr schätzen. Alles hat seinen Grund im Leben, ich hoffe sehr, dass ich irgendwann den Grund hierfür erkenne und sich das Ganze "gelohnt" hat. Ich sehe das Gute, was ich bereits habe und darf mir vorstellen, was ich noch erreichen möchte. Solche Erfahrungen kann mir keiner nehmen, der Umgang mit solchen Situationen macht mich selbstbewusster. Schlussendlich: wir sind Menschen. Es gibt keine Pille, mit der wir uns immer gut fühlen und keinen Anzug, der uns vor allen äusserlichen Umständen schützt. Wir können nur lernen, mit schwierigen Situationen umzugehen und die Situation an sich auf der sachlichen Ebene zu hinterfragen. 

 

Ein Leben mit der Depression

An Depression zu leiden ist genau das, ein Leiden. Ich komme sehr schnell an meine Grenzen, körperlich wie seelisch. Es fühlt sich an, als hätte nicht ich das Leben im Griff, sondern das Leben mich. Wenn nur etwas Kleines nicht stimmt (mit dem Job, im Privaten, bei mir selbst) fällt die ganze Konstruktion zusammen. Ich komme wieder an den Punkt der Verzweiflung und der Zyklus geht weiter und weiter. Ich verliere den Anschluss im Alltag, ziehe mich mehr und mehr zurück. Weiss nicht, wo mir der Kopf steht. Alles ist mir zu viel.

 

Zitat einer meiner Leser/-innen:

"Mir ist eines aufgefallen: man vergisst extrem schnell, wie es sich anfühlt, wenn es einem gut oder schlecht gegangen ist. Beispielsweise jetzt geht es mir sehr gut und ich habe fast vergessen, wie "beschissen" es mir dazumal ergangen ist. Oder umgekehrt, ich das Gefühl habe, alle und alles lässt mich im Stich. Ich weiss nicht, ob es gut oder schlecht ist, wenn man so schnell vergisst. Vielleicht hat man den schlechten Zeit (und sich) verziehen und ist im Reinen damit? Aber eines habe ich ganz sicher nie vergessen und zwar das Vertrauen ins Leben, dass es irgendwann wieder gut kommt und es das Leben mit uns am Schluss nur gut gemeint hat."

 

Ich versuche mir folgende Gedanken zu verinnerlichen:

  • Auch die schlimmsten Phasen haben ihren Grund, obschon ich diese nicht sofort erkennen kann
  • Die Gefühle und die Stille auszuhalten, machen mich stärker
  • Ich warte nicht darauf, bis etwas Gutes passiert. Ich mache das Beste aus dem, was mir jetzt zur Verfügung steht
  • Ich bin immer noch da!
  • Ich habe es bereits einmal geschafft, dass es mir - auch wenn nur vorübergehend - besser ging. Das gibt mir Stück für Stück Sicherheit und Selbstvertrauen
  • Ich versuche achtsam zu sein und frage mich: was brauche ich jetzt? Was tut mir jetzt gut? Wie geht es mir?
  • Wenn ich seelisch und körperlich derart reagiere, ist da etwas offen, an dem ich arbeiten muss. Die Auseinandersetzung mit mir, meinen Gedanken und Gefühlen, meinem Empfinden und meiner Reaktion verhelfen mir auf ähnliche Situationen und Menschen anders zu reagieren und ich lerne mich abzugrenzen
  • Ich habe diese Gefühle, ich bin nicht diese Gefühle

Zitat einer meiner Leser/-innen:

"Man ist, wer man ist - und das ist gut so!"

 

Irgendwann, so hoffe ich, fühle ich mich nach einer Niederlage oder zu viel Stress nicht als Versager oder schwacher Mensch, sondern einer dieser Gedanken wird zu meiner Grundüberzeugung und ich denke automatisch daran. Ich kann mein Gehirn umprogrammieren, dafür muss ich kein IT-Spezialist sein. 

 

Ich erinnere mich daran, was mir gut tut und stelle mir die folgenden Fragen: 

  • Gab es als Kind etwas, das mir total viel Spass gemacht hat und ich seither nie mehr getan habe?
    Ich erinnere mich an mein inneres Kind
    • Schwimmen mit der Schulklasse
    • Handarbeit
    • einen Trickfilm schauen, den ich als Kind geliebt habe
    • mein Lieblingsessen als Kind
    • etwas malen/zeichnen
    • auf dem Spielplatz schaukeln
    • Brausezeugs auf die Zunge legen
    • in den See springen
    • auf einen Baum klettern ...
  • Was tut mir gut? Hilfreiche Tätigkeiten lasse ich nicht in Vergessenheit geraten
    • Ich erstelle mir einen Wochenplan
    • Ich führe ein Ideenbuch
    • Ich mache mir to do-Listen 
    • Ich suche mir einen Partner, um regelmässig an Gruppenkursen teilzunehmen ...
    • Zitat einer meiner Leser/-innen: "Eine to-don't Liste erstellen. Das hilft mir sehr gut. Wenn ich beispielsweise merke, ich verzettle mich und alles läuft Multitasking, ziehe ich die Notbremse, indem ich mich frage, was ich jetzt gerade eben NICHT tun SOLL."
  • Was bietet mir Mut und Trost?
    • Ein Sprüchekalender
    • Ich lese Artikel und Sachbücher rund um das Thema Depression, Sensibilität, Umgang mit Mitmenschen, Achtsamkeit, Berufung und was mich sonst alles interessiert
    • Ich umarme mich selbst und/oder kuschle mich in eine flauschige Decke ein
    • Ich nehme ein heisses Bad und geniesse die Wärme und das Gefühl, mich treiben zu lassen ...

Zitat einer meiner Leser/-innen:

"Ich lag tief am Boden, nahm an einem Aqua Fitnesskurs teil. All die schönen Glückgefühle und schönen Erinnerungen, die ich hatte, haben in mir das positive Grundgefühl geweckt. Es tat mir sehr, sehr gut."

 

Weiteres Zitat einer meiner Leser/-innen:

"Eine Depression ist eine starke Herausforderung für denjenigen, welchen es betrifft - aber auch für das nähere Umfeld. Ein Zusammenspiel mit Verständnis, Vertrauen und Offenheit hilft sicherlich sich gegenseitig zu verstehen. (...) Ich habe in Gesprächen und Reflexionen erfahren, wie man dieser Krankheit eben nicht begegnen sollte. "Du bist verrückt?", "Spinnst du wieder?", "Warum schaffst du das nicht wie andere auch?". Solche Reaktionen, gerade von sehr nahe stehenden Personen, finde ich persönlich sehr erschütternd. (...) Ich will diese Personen nicht nach dessen Verhalten tadeln. Auch für diese (eben das Umfeld) habe ich ein gewisses Verständnis. Man wusste es vermutlich einfach nicht besser bzw. man war einfach mit der Situation überfordert. (...) Ich kann mir vorstellen - manchmal reicht ein offenes Ohr - eine helfende Hand oder einfach nur Halt und das Versprechen "da zu sein".

 

Die Gesundheit ist so wichtig, alles andere ist zweitrangig

Depression mit einem Spritzer Humor

Depression ist scheisse. So eine dumme Zusatzaufgabe vom Hirn. Wollte wohl kreativ sein, eine neue Sprache lernen oder "einfach mal was Neues ausprobieren". Oder bei der Schaffung vom Mensch fand man, "zu perfekt ist langweilig". "Ich will Sorgenfalten, Müdigkeit, Traurigkeit, Angst, Verlorenheit, Lustlosigkeit, Sozialer Rückzug, Stimmungsschwankungen, Essstörung und schlaflose Nächte im Gesicht eines Menschen sehen. Immer nur ein Lächeln im Gesicht wäre ja "zu wenig dynamisch" oder "zu wenig abwechslungsreich". Wir erschaffen da ein Feuerwerk der Gefühle. Let's make party." :-)

 

 

Mit diesem schönen Zitat von Sophie Manleitner komme ich zum Ende dieses Beitrags: 

 

"Das Leben bedeutet:

Loslassen zu können und aus Fehlern zu lernen. 

Am Boden zu sein und wieder aufzustehen. 

Sich die Tränen wegzuwischen und wieder zu lächeln. 

Die Vergangenheit zu akzeptieren und für die Zukunft zu leben. 

Weiterkämpfen, auch wenn dir manchmal die Kraft dafür fehlt. 

Die Angst, wieder verletzt zu werden, abzulegen und wieder anfangen,

zu leben und zu lieben."

Quelle: aphorismen.de

 

Ich hoffe sehr, ich konnte dir Anregungen und hilfreiche Tipps weitergeben. Ich bedanke mich für die Zeit, den Mut und die Offenheit meiner Leser/-innen, die mir ihre Worte haben zukommen lassen. Ich finde, wenn wir unser Wissen teilen, uns gegenseitig unterstützen und uns helfen, ist das Leben einfacher und schöner (zu leben).

 

 

Deine Ella

 

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Kommentare: 4
  • #1

    Roger Günthard (Sonntag, 08 Oktober 2017 08:41)

    Danke "Ella", vor allem der Abschnitt nach "ein Leben mit der Depression" stimmt haargenau.

  • #2

    Ella (Sonntag, 08 Oktober 2017 15:44)

    Lieber Roger

    Vielen Dank für deinen Kommentar und den Input, so macht es Freude zu schreiben :-) Alles Liebe!

    Deine Ella

  • #3

    Patty Föhn (Mittwoch, 11 Oktober 2017 09:12)

    Danke Dir viel viel mal für diesen wunderbare Text und das Du uns so an deinem Leben, an deiner Gefühlswelt, teil haben lässt! Eine echte Herzensangelegenheit!

  • #4

    Ella (Mittwoch, 11 Oktober 2017 15:11)

    Liebe Patty

    Herzlichen Dank für dein Feedback!:-)

    Deine Ella