Ich bin das dritte Rad am Wagen

Einsamkeit
Ich bin das dritte Rad am Wagen

 

Du kennst wahrscheinlich das Sprichwort "das fünfte Rad am Wagen sein", sprich, sich in einer Gruppe überflüssig fühlen. 

 

Ich fühle mich wie das dritte Rad am Wagen. Warum? Das erfährst du weiter unten. 

Was oder wer ist das "dritte" Rad am Wagen

Nehmen wir an, die Welt ginge in wenigen Minuten unter. Wir können uns jeweils nur zu zweit retten. Uns beispielsweise in eine Kapsel mit zwei Sitzplätzen setzen und ins Weltall fliegen lassen. Wir können nur eine einzige Person mitnehmen, umgekehrt müssen wir auch für diesen Menschen am wichtigsten sein. 

 

Habe ich so jemanden? Nein. 

 

Meine beste Freundin hat ihre Tochter, mein bester Freund seine Partnerin, mein Vater hat seine Frau und so weiter und so fort. 

 

Ich möchte mich überhaupt nicht beklagen. Ich habe viele gute Freunde und ein paar tolle Verwandte. Doch wenn es hart auf hart käme, hätte ich niemanden, für den ich der wichtigste Mensch im Leben bin und dieser Mensch der wichtigste für mich ist. Das heisst, in jeder Konstellation, ob ich mich nun mit zweien verabrede oder nur mit der einen Hälfte, fühlt es sich immer so an, als gehöre ich nicht dazu, als stünde ich immer ausserhalb von diesem "inneren Kern". Immer wieder schlummert dieses eine Gefühl in mir: die zwei gehören zusammen. Müsste eine Entscheidung getroffen werden, wer wessen Seelenverwandter, allerwichtigste Mensch oder der/die Eine ist, fällt die Entscheidung nie auf mich. In allen Zweierkonstellationen gibt es kein Mich, ich fühle mich wie das dritte Rad am Wagen, am Wagen des Zweiergespanns mit zwei Sitzplätzen.

Was heisst das nun für mich?

Klar ist ja, dass jemand, der sich selbst nicht lieben kann, andere auch nicht zu lieben fähig ist. Also beginnen wir einmal bei mir. Ich finde mich toll, so wie ich bin und danke meinem Körper, dass er so viel für mich und mit mir durchgemacht und überstanden hat. Das heisst, Punkt Eins ist abgehakt.

 

Kommen wir zu Punkt Zwei; kann ich einen anderen Menschen so sehr lieben und an mich heran lassen? Ich hätte Zeit und Platz in meinem Leben für einen Lebenspartner. Ich schreibe "hätte", weil irgendetwas tief in mir drin nicht soweit ist, sich wirklich auf eine andere Person so fest einzulassen. Versteh mich nicht falsch. Mit den Menschen in meinem näheren Umfeld fühlt es sich richtig, schön, lustig, manchmal traurig, aber dann wieder tröstlich und einfach nur gut an. Ich kann mich selbst sein, darf meine Meinung äussern und werde als Person respektiert und geschätzt.

 

Doch ist da immer ein durchsichtiger Schutzfilm um mich herum. In dem Wissen, die Person vor mir "gehört zu einem anderen Menschen", trifft mein Unterbewusstsein Sicherheitsvorkehrungen. Der Schutzfilm ist nicht zu zerstören. Wurde nie, kann nicht und ich weiss ehrlich gesagt nicht, ob es jemals passiert. Was man nicht hat, kann man nicht vermissen, oder?

Typische "Gelegenheiten" sich als das dritte Rad am Wagen zu fühlen

Hochzeitsfeier

Der Klassiker ist sicher alleine an eine Hochzeit zu gehen. Das Brautpaar ist überglücklich, die Gäste sind glücklich und alle sind zu zweit - ausser mir. Als Single zu einer Hochzeit zu gehen, ist, naja, sagen wir mal, eine riesige Herausforderung. Richtig Pech hat, wer ausser dem Brautpaar niemanden kennt und dann obendrein eher reserviert und/oder schüchtern ist. Zum Beispiel stellst du anderen Fragen und hörst ihnen zu, aber dich fragt niemand etwas und wenn du dich mal traust etwas zu sagen, wirst du unterbrochen. Meiner Meinung nach braucht es sehr viel Selbstbewusstsein sich als Single, ohne am Fest jemanden näher zu kennen, an einer Hochzeit richtig wohl zu fühlen. Da ist die Frage: was macht es mit mir, wenn ich daran denke, zur nächsten Hochzeit alleine hinzugehen? Was sagt mein Herz, was mein Körper? Wenn es eine zu grosse Hürde ist, es sich nicht richtig anfühlt, kann man sich aus Selbstliebe und Selbstschutz dafür entscheiden, nicht hinzugehen. Wer sich jedoch traut und sich in dieser Situation gut fühlt, wird es an der Hochzeit gut gehen. Auch ganz ohne eine zweite Person. Und wenn die Leute um dich herum nicht über deine Witze lachen oder mit dir über Gott und die Welt diskutieren möchten, wollen oder können, kannst du das genauso gut mit dir selbst und dabei zufrieden lächeln :-) 

 

Weihnachtsfeier

Auch hier handelt es sich um eine Zeremonie - von unserer Gesellschaft auf ein Podest gestellt - bei der es um das Zusammensein und um Liebe geht. Klar nehme ich keine Einladung zur Weihnachtsfeier an, wenn ich zum Vornherein weiss, ich würde resp. werde mich dort nicht wohlfühlen. Wenn ich gehe, dann freue ich mich auf das Fest und die Menschen, ich kann es kaum abwarten, wie die anderen auf mein Geschenk reagieren. Haben sie so grosse Freude daran, wie ich hoffe? Wird es ihnen gefallen und werden sie lange daran Freude haben? "Richtig schön" ist der Moment, wenn du merklich weniger Geschenke als die anderen bekommst. Vielleicht wussten sie nicht genau, was sie dir schenken könnten. Haben nicht daran gedacht, dass du auch kommst oder sie haben ihr Budget auf die Geschenke für "die wichtigsten Menschen" aufgeteilt. Kennst du die Serienrolle Stuart Bloom aus "The Big Bang Theory"? Seine Rolle als Mitglied in der Gruppe trifft den Nagel auf den Kopf. 

 

Clubbing, Bartour

Manchmal verabredest du dich mit Freunden und ihr geht in den "Ausgang", um wieder einmal unter Leute zu kommen. Ihr Singles stellt euch vor, wie es wäre, mit dem "anderen Geschlecht" in Kontakt zu kommen und wie schön es wäre, wieder einmal mit einem anderen zu flirten. Die Musik ist gut, der Alkohol fliesst reichlich und ihr habt untereinander gute Gespräche. Deine zwei Singlefreundinnen finden eine nach der anderen einen potentiellen Partner. Sie unterhalten sich, lachen und berühren sich flüchtig. Richtig schön, wie in einem Liebesfilm. Die andere Freundin telefoniert gerade mit ihrem Ehemann, der sie dann später abholen kommt. Eine Freundin steht mit ihrem Verlobten an der Bar und die Freundin, die neben mir sitzt, spricht über ihre Ferienpläne mit ihrem Freund. Dann plötzlich bekommt sie eine WhatsApp Nachricht und wendet sich für einen Moment von dir ab. Du schaust dich um. Überall stehen die Leute paarweise. Sie lachen, sie strahlen und haben eine richtig gute Zeit. Rund um dich sind die Leute mit anderen Menschen beschäftigt. Egal, ob sie sich knutschen, eng umschlungen tanzen, sich etwas ins Ohr sprechen oder mit jemanden schreiben oder telefonieren. Dann beobachtest du dich von aussen. Du sprichst mit niemanden, bist nicht gerade am Tanzen, dein Smartphone zeigt keine neue Nachrichten, du bist also die einzige hier im ganzen Saal, die alleine ist. "Schöner Moment". Natürlich übertreibe ich jetzt. Wenn mich das Thema "ohne Partner sein" gerade beschäftigt, ist ja klar, dass ich mich unbewusst auf die Leute konzentriere, welche nicht alleine sind. Es ist, wie wenn ich ein neues Auto gekauft habe. Ich achte mich auf die Fahrzeuge mit der gleichen Marke. Sie fallen mir besonders auf.

Auf was kommt es an

Ich möchte mich nicht über zu wenige gute Freunde und Verwandte beklagen, ich fühle mich nicht von der Welt verlassen oder bin traurig ein Single zu sein. Ich kann auch alleine in einer Rettungskapsel ins All fliegen, dann habe ich mehr Platz für Süssigkeiten und Fritten :-) 

 

Mal ernsthaft: Ich bin mit mir selbst glücklich und zufrieden. Ich schätze und brauche Zeiten nur für mich ganz alleine. Als hochsensibler Mensch kennst du das vielleicht? Auf jeden Fall, es wäre schön meinen Seelenverwandten zu finden, ganz sicher. Es ist auch schön jetzt mit mir ganz alleine. Es kommt, wie es kommen muss. Ich nutze meine Energien lieber für kreative Tätigkeiten und meine Gesundheit als mir den Kopf über Dinge zu zerbrechen, die ich nicht ändern kann und für die Bereiche, für die es nun einmal zwei Personen braucht. 

 

Ich wünsche dir alles Liebe und ganz viel Selbstliebe sowie eine grosse Portion Humor in deinem Leben! :-) 

 

 

Deine Ella

 

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