Früher war alles viel einfacher

Früher war alles viel einfacher
Früher war alles viel einfacher

 

Sie ging raus auf den Balkon. Es schneite. Der Tisch war bedeckt von Schnee, auch auf den Stühlen lag Schnee. Ausser auf dem einem Stuhl. Da setzte sie sich hin. Es fühlte sich gut an, einen geeigneten Platz zu finden. Ganz offensichtlich. Der einzige Platz ohne Schnee auf der Sitzfläche. „Da gehöre ich hin“, dachte sie. „Wäre es im Leben doch nur auch so klar, wo mein Platz ist.“

Sie zündete sich eine Zigarette an. Ihre Hände zitterten vor Kälte. Sie rauchte nur noch auf dem Balkon. Sie dachte früher, dass sie dadurch weniger rauchte. Doch die Sucht war stärker. Dieses Laster machte ihr aber nichts aus. Solange es nur Zigaretten waren. „Andere trinken täglich einen halben Liter Bier oder Wein, betäuben sich sonst auf eine Art“, verteidigte sie ihren Standpunkt. Sie genoss den Nikotinflash. War aber froh, wenn sie wieder reingehen konnte. Es war einfach viel zu kalt. Komisch, dass es im Februar so viel kälter war als im Januar.

 

Sie verspürte einen kleinen Hunger. Was hatte sie im Kühlschrank? Eine Schachtel Eier, ein Haufen nichts und versteckt im unteren Fach, ganz hinten, ein Yoghurt, der vor 6 Tagen abgelaufen war. Sie entschied sich für die Eier. Naja, von Entscheidung konnte keine Rede sein. So wie sonst in ihrem Leben. Zuletzt ass sie Eier, als es ihr noch besser ging. Sie erinnerte sich, wie es war, Appetit zu haben, sich auf das Essen zu freuen. Damals, als sie sich abends kaputt und kränklich fühlte, schlafen ging und am nächsten Tag wieder fit und munter war. Früher konnte sie sich auf ihren Körper verlassen, konnte darauf vertrauen, dass sie sich während des Schlafs vollständig regenerierte. Nun war alles anders. Sie sehnte sich nach diesen Zeiten. Drei Minuten waren um, sie wartete noch ein paar Sekunden. Dann nahm sie die Eier aus der Pfanne, spülte sie mit kalten Wasser ab und legte sie in die süssen Eierhalter. Sie musste lächeln.

 

Es war zwar erst 4:30Uhr morgens, doch das spielte keine Rolle. Sie musste zu keiner Zeit aufstehen, hatte keine Termine. Anfangs hatte sie ein schlechtes Gewissen, nicht mehr arbeiten zu können. Fühlte sich als Versagerin und zu nichts zu gebrauchen. Mit den Monaten verlor sie den Mut, jemals wieder gesund zu werden. Wieder zu arbeiten war für sie so unrealistisch wie ein Lottogewinn. Anderen ihre Situation zu erklären war so schwierig, ihre Schuldgefühle und ihr Schamgefühl waren ihre ständigen Begleiter. Sie wirkte auf andere stark und unzerbrechlich. Wie ein hart gekochtes Ei.

 

Während sie ihre zwei Eier eins nach dem anderen auslöffelte und mit etwas Salz verzehrte, schwelgte sie in Erinnerungen. Damals, sie war noch so jung. Sie arbeitete den ganzen Tag, ging abends ins Fitnessstudio und zuhause kochte sie sich was Leckeres zu essen. Sie dachte nicht darüber nach, lebte einfach nur. Heutzutage fiel es ihr bereits schwer, aufzustehen, geschweige denn sich zu duschen und raus zu gehen. Alles war so hart, nicht so ihre 3-Minuten Eier. Sie schmeckten gut, nicht zu fest und auch nicht zu labberig. So wie sie es mochte. Es waren die kleinen Dinge, die sie aufrecht hielten.

 

Sie legte sich wieder in ihr Bett, es war noch ganz warm und feucht. Wenn sich im Bett wälzen eine Sportart wäre, wäre sie bestimmt in der Profiliga. Sie brauchte keine Sauna oder ein Dampfbad, ihre Alpträume reichten. Sie versuchte sich ganz gerade im Bett hinzulegen. Legte sich in Shavasana, die Totenhaltung, wie sie es im Yoga Nidra gelernt hatte. Yoga sollte ihr zu mehr Ruhe und Gelassenheit verhelfen. Manchmal funktionierte es, meistens aber war sie viel zu tief in ihrem Dilemma drin, um bei der geführten Tiefenentspannung achtsam mitzuhalten. Gedankenchaos und Grübeln über die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft wurde zur Normalität. An den Seiten entlang der Vorhänge konnte sie sehen, dass die Sonne aufgegangen war. Einzelne Sonnenstrahlen gelangten in ihr Schlafzimmer. Was irgendwie schön war.

 

„Ich will einschlafen, bitte lass mich schlafen“, betete sie zum Universum. Sie schien die Verbindung zum Universum verloren zu haben. Früher lief alles wie am Schnürchen. Jetzt schien es, als gäbe es auf ihrem Weg nach vorne überall Tretminen, die sie wieder und wieder nach hinten katapultierten. Nicht nicht an etwas zu denken, war unmöglich. Ihr fiel ein, was ihr Lehrer einmal sagte: „Denkt nicht an einen rosaroten Elefanten, der auf einem Ball herumtänzelt und einen gelben Hut aufhat. Geht nicht."

 

Um ihre Gedanken zur Ruhe kommen zu lassen, entschied sie sich für eine Meditation auf YouTube. Was sollte es heute sein? Finde deine Bestimmung? Nur schon beim Titel wurde sie traurig, sie hatte keinen Plan, was ihre Berufung war. Sollte sie sich eine Meditation mit dem Thema Selbstheilung anhören? Das fühlte sich im Moment nicht richtig an. Schlussendlich startete sie eine Einschlaf-Meditation mit Naturklängen. Die Meditation begann mit einem fliessenden Fluss. Fluss. Wasser. Sie musste abbrechen und auf die Toilette.

 

Als sie auf dem WC sass, vergass sie kurz ihre Sorgen. Sie war achtsam und entspannt. Dabei wurde ihr klar, je mehr sie sich sorgte und Angst vor der Zukunft hatte, umso mehr würde sie das Negative herauf beschwören. Wenn sie auf die nächste Niederlage wartete, würde sie alles andere und all das Gute verpassen. Sie setzte sich das Ziel, sich nicht über Dinge aufzuregen, die sie nicht ändern konnte. Sie fasste den Entschluss, zu akzeptieren, was jetzt nun mal ist. Sie war jetzt krank, sie konnte jetzt nicht arbeiten. Es war, wie es war. Sie fühlte sich irgendwie befreit. 

 

Sie kuschelte sich in ihr Bett, vergass, dass sie noch eine Meditation hören wollte und schlief sofort ein. Erst nach 8 Stunden wachte sie wieder auf. Schon sehr lange hatte sie nicht mehr so lange geschlafen. Vor allem durchgeschlafen. Und so gut, ganz ohne Alpträume, ohne patschnass wach geworden zu sein. „Früher“ war nicht mehr relevant, „Zukunft“ ist im ständigen Wandel, das „Hier und Jetzt“ ist wirklich von Bedeutung. Akzeptanz tat so gut.

 

Ella 

 

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