Laura und ihr Weg

Bild: cluewriting.de
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Wann immer sie ihre Ruhe brauchte, zog sie sich hier her zurück. An diesem Platz gab es keinen Internetempfang, niemand lenkte sie ab. Es gab nur sie und diesen Ort.

Okay, hier und dort kletterte ein Eichhörnchen den Baum hinauf. Auch Igel und ganz selten ein Reh kreuzten ihren Weg. Hier zwitscherten nur die Vögel.  

 

 

Wie sie so da sass, auf einem noch vom Morgentau feuchten Baumstumpf, dachte sie nach. Laura hatte sich die letzten Monate an die Ratschläge anderer gehalten. Getan, was auch die anderen taten. Doch nichts hatte sich verändert.

Die Clue Writer Rahel und Sarah haben zur sechsten Clue Writing Challenge aufgerufen.

Aufgabe: eine Kurzgeschichte zu einer Bildvorgabe ("schreibende Dame", siehe oben) zu verfassen. Was für eine tolle Idee, da mache ich gerne mit. Los geht’s  :-) 

 

 

Draussen in der Natur war es nie ganz still. Es raschelte und quiekte, surrte und knackste. Aber es war ruhig, angenehm ruhig. Die Naturklänge waren eine wahre Wohltat gegenüber den Geräuschen in der Grossstadt.

 

Die warmen Sonnenstrahlen, die sich ihren Weg durch den dichtesten Wald zu ihr auf die Lichtung bahnten, rochen nach Frühling. „Oh, das ist ein guter Satz“, dachte sie und nahm ihr Notizheft aus dem Rucksack. „Den notiere ich mir gleich.“ Könnte nun dieser Beitrag endlich ein Erfolg sein?

 

Als sie ihren Bleistift in ihre rechten Finger nahm und zu schreiben begann, wurde ihr ganz warm ums Herz. Es war ein ganz einfacher Bleistift, nichts besonderes, jeder konnte einen solchen im Supermarkt kaufen. Doch ein solcher Bleistift war der Grund, warum sie überhaupt damit anfing.

 

Sie schaute sich um, vom Morgentau war nichts mehr zu sehen. Er war weg, als hätte es ihn nie gegeben. „Nie gegeben..., ja so fühle ich mich gerade auch“ schoss es ihr durch den Kopf. Sie seufzte und liess ihre Hände auf ihren Schoss fallen. Als sie nach unten sah,  betrachtete sie ihre Schuhe. Braun wie der Waldboden, kaum zu unterscheiden. Auch so braun wie der Baumstumpf, auf dem sie sass. Sogar ihre Haare waren braun wie das Holz der Bäume. Der Rest ihrer Kleidung fügte sich ebenfalls farblich ein. Sie fühlte sich mit dem Wald wahrlich verbunden. So schön dieser Gedanke auch war, umso bitterer war der Beigeschmack. Sie fiel hier nicht auf. Ginge jemand hier vorbei, würde er sie bestimmt nicht sehen. Würde sie was sagen, könnte sie dann jemand verstehen? Laura dachte wieder an ihre Besucherzahlen.

 

Sie lockerte ihren Schal, fasste sich mit den Händen an den Bauch und musste husten. Sie schlug erneut ihr Notizheft auf. In Grossbuchstaben schrieb sie die zwei Begriffe „done“ und „to do“.

    • Regelmässig Beiträge verfassen: done
    • In den Social Medias posten: done
    • Vorschläge anderer umsetzen: done
    • Hohe Besucherzahl: to do!
    • Viele Likes erhalten: to do!!
    • Viele Kommentare bekommen: to do!!!

Das machte keinen Spass. Sie riss die Seite aus dem Heft und fing auf einer neuen Seite an zu schreiben. Was mochte sie als Leser gerne lesen? „Leser...lesen“, sie musste kichern. Sie notierte sich, dass sie eigentlich nicht seitenlange Blogbeiträge lesen mochte. Wenn schon viel Text, dann bitte in einem Buch. Sie liebte den Geruch von Büchern. Dieses besondere Gefühl, beim Lesen ein Buch in den Händen zu halten, war unbeschreiblich schön. Sie mochte nachdenkliche und lustige Sprüche. Diese und Comics kommentierte und teilte sie regelmässig. Auch kurze Videos und GIF fand sie toll. Hauptsache kurz und interessant, wenige Worte mit grosser Bedeutung. Als sie sich das alles aufschrieb, wurde es ihr plötzlich klar. Es war so logisch, so was von logisch! All das, was sie gerne lesen würde, ist so gar nicht das, was sie als Bloggerin veröffentlichte. Wie konnte sie erwarten, dass ihre Leser was lesen, geschweige denn kommentieren, das selbst sie nicht lesen oder kommentieren würde?

 

Sie blickte für gefühlte 10 Minuten ins Nichts. In ihrem Kopf ratterte und ratterte es. Ein Krächzen unterbrach ihren Gedankenstrudel. Wieder ein „krächz“. Sie drehte sich um. Hinter ihr landete ein wunderschöner, schwarzer Rabe. Sein Fell glänzte im Sonnenlicht. „Ja hallo du da“, lächelte sie ihm zu. Sie erinnerte sich daran, dass sie noch ein Brötchen im Rucksack hatte. Sie dachte sich, der Rabe würde sich bestimmt über etwas zu essen freuen. Sie riss das Brötchen in kleinere Stücke und streckte dem Raben ihre Hand entgegen. „Na komm, piep, piep“. Ihre Freunde belächelten Laura immer, wenn sie versuchte ein Tier mit „piep, piep“ anzulocken. Das machte sie mit allen Tieren. Mit Pferden, Hunden, Katzen und ja sogar mit Hamstern. Es hatte nie wirklich funktioniert. Die Tiere schauten sie daraufhin nur an. Was sie sich wohl dachten? Sie wedelte mit den Brotstückchen vor seinem Gesicht. Der Rabe sah sie mit schiefem Kopf an, scharrte kurz mit seinen Krallen und flog davon.

 

Sie lehnte sich auf dem Baumstumpf zurück, stützte sich auf ihre Hände. Das Notizheft und den Bleistift liess sich auf ihrem Schosse liegen. Sie schloss ihre Augen und richtete ihr Gesicht zur Sonne. Es war so schön hier. In Gedanken war es wieder Sommer. Damals, als sie ausnahmsweise die Bahn zur Arbeit nahm. Ihr Auto war in der Werkstatt für die Inspektion. Sie hatte vergessen, ein Ersatzauto zu mieten. Sie fuhr nach der Arbeit zurück nach Hause. Es war heiss, die Luft stickig und alle Zugabteile waren voll. Über Jahre war sie auf der Suche nach einem Hobby, eines, das sie von Herzen gerne ausübte und sie sich nicht dazu überwinden musste. Sie konnte sich noch genau daran erinnern, wie sie in dieser Bahn sass. Mit jeder weiteren Station stiegen Passagiere aus und eine weitere Idee konnte sie von ihrer möglichen Hobby-Liste streichen. Sport fiel schon zu Anfang weg. Fremdsprachen lagen ihr auch nicht wirklich. Es vergingen nur noch wenige Minuten bis zu ihrer Haltestelle, da erblickte sie einen dieser Werbeständer im Zug. Er hing oberhalb ihres Fensters. Daran befestigt waren eingerollte Werbeflyer. "Komisch, wie dick die sind", dachte sie sich damals. Sie konnte einfach nicht anders als sich einen dieser Flyer genauer anzuschauen. Sie rollte ihn auf und entdeckte darin einen Bleistift mit der Aufschrift: „Benutz mich!“. Der Zug hielt und sie musste raus. Den Stift nahm sie natürlich mit und als sie zu Hause den Flyer der Grossen Schreibschule genauer durchlas, war es ihr klar: Sie hatte ihr grosses Hobby gefunden! Bereits in der Grundschule bereitete ihr Geschichten zu schreiben (und natürlich die Deutsche Rechtschreibung) grosse Freude. Nie hätte sie ans Schreiben als Hobby gedacht.

 

Die Sonne schien immer stärker, ihr Magen knurrte immer lauter. Es war bald Mittagszeit. Sie packte ihre Sachen in den Rucksack und stand mit einem Ruck auf. Sie sass wieder ab und rieb ihre Handflächen an ihren Oberschenkeln. Langsam stand sie wieder auf und kratzte sich mit allen Fingern an ihrer Kopfhaut. Was sollte sie nun tun?

 

Ihr Blick ging zu Boden. In Gedanken versunken fing sie an mit ihrer Schuhspitze im hölzernen Untergrund zu wühlen. Dabei entdeckte sie einen kleinen Stein in Form eines Herzens. Sie hob den Stein auf und nahm diesen in ihre rechte Hand. Just in diesem Augenblick landete eine schwarze Feder auf ihrer Handfläche. Eine wohlige Wärme ging durch ihren Körper. Den herzförmigen Stein und die Feder packte sie sorgfältig in ihre Jackentasche. Sie schloss den Reissverschluss und vergewisserte sich durch ein Abtasten noch einmal, dass die Feder und der Stein auch wirklich in der Tasche waren. Mit achtsamen Schritten machte sich Laura auf den Nachhauseweg. Sie bog nicht wie gewohnt links ab, um dann am Bach entlang zurück zu laufen. Sie entschied sich für einen neue Richtung, für einen Weg, der ihr jetzt der Richtige zu sein schien. 

 

 

Ella 

 

Eine Übersicht aller Beiträge der Schreibparade findest du hier

 

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Severine (Donnerstag, 16 August 2018 17:52)

    Sehr schöne Geschichte mit viel Selbsterkenntnis! Gefällt mir, mach weiter so! Liebe Grüsse :-)

  • #2

    Ella (Donnerstag, 16 August 2018 17:54)

    Liebe Severine

    Vielen lieben Dank für dein liebes Feedback! :-)

    Liebe Grüsse
    Deine Ella